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Warum wir reden müssen - "Mein Einsatz, der bleibt"

 Nicht jeder Einsatz hinterlässt Spuren. Aber manche begleiten uns ein Leben lang – ob wir wollen oder nicht.

Es sind die Bilder, die Gerüche, das Erlebte. Situationen, die uns fordern, überfordern, verändern. Wir alle kennen sie – und doch reden wir selten darüber. Aus Scham. Aus Angst, als schwach zu gelten. Oder einfach, weil uns die Worte fehlen.

Dabei liegt genau hier eine große Kraft. Wenn wir erzählen, was uns bewegt, können andere erkennen, dass sie nicht allein sind. Dass es normal ist, wenn Einsätze im Kopf weitergehen. Und dass es Wege gibt, mit all dem umzugehen.

Der folgende Erfahrungsbericht ist persönlich, ehrlich und ungeschönt. Er zeigt, was seelische Belastung wirklich bedeuten kann – und wie man trotzdem einen Umgang damit findet.

Es wäre wünschenswert, mehr solcher Berichte zu lesen. Nicht, um zu schockieren. Sondern um zu verstehen. Um ins Gespräch zu kommen. Und um zu zeigen: Es ist in Ordnung, hinzusehen – und hinzuhören. Auch bei dem, was niemand gern erzählt.

Hast Du auch so einen Einsatz von dem Du erzählen möchtest? Dann schreib uns unter psnv@ofv-112.de


"Mein Einsatz, der bleibt" von Christian


Er liegt fast 20 Jahre zurück.

Ein Mann und sein Hund – spätabends beim Gassi-Gehen. Sie überquerten die Straße, nur ein paar hundert Meter von meinem Wohnort entfernt. Ein Pkw. Der Hund – ein Schäferhund – wurde überrollt und war sofort tot. Der Mann wurde von der A-Säule des Pkw erfasst, mehrere Meter weit geschleudert und schlug auf dem Asphalt auf. Tot.

Wir leuchteten die Einsatzstelle "nur noch" für die Beweisaufnahme der Polizei aus. Dann hieß es erst mal warten, bis alle Daten und Aufnahmen im Kasten waren. Der Leichnam des Mannes wurde als Erstes abtransportiert. Irgendwann dann auch der tote Hund – aber das haben wir gar nicht richtig mitbekommen. Vor allem: Wer hat ihn mitgenommen? Plötzlich war er einfach weg.

Dann folgte der nächste Auftrag: vorbereiten, um dem Abschleppdienst beim Verladen des Autos zu helfen. Trümmerteile einsammeln, Ölbindemittel verteilen usw. Doch auf der Straße lagen nicht nur Technikreste in den hellen Lichtkegeln unserer Beleuchtung. Da waren auch Schuhe. Eine blutverschmierte Jacke. Viel Blut. Und mittendrin: Gehirnmasse. Und Teile des Schädelknochens.

Auch das musste „beseitigt“ werden. Unser Auftrag. Für meine Gruppe. Ich war seit drei Jahren dabei und mittlerweile Führungskraft. Es war nicht mein erster Kontakt mit dem Tod. Aber die jungen Kameradinnen und Kameraden hinter mir im Fahrzeug? Als ich mich umdrehte, um die Anweisungen zu geben, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass irgendjemand es geschafft hatte, ein Fahrzeug mit ausschließlich jungen Kräften zu besetzen, die vor gerade mal einer Woche den Status der Anwärter hinter sich gelassen hatten.

Ich schaute nach links. Markus, zwei oder drei Jahre älter als ich, saß am Steuer, hatte den Funk mitgehört und kannte unseren Auftrag. Wir schauten uns stumm an und schüttelten gleichzeitig den Kopf. Wir waren uns sofort einig: Das machen wir selbst. Diese unschöne Aufgabe mussten wir den „Kids“, auch wenn alle mit 18 oder 19 Jahren volljährig waren, nicht zumuten. Sie sollten uns nur die Säcke zum Einsammeln der Hinterlassenschaften holen und die Wasserversorgung zum Abspülen der Straße aufbauen.

Markus sammelte die Schuhe und die Jacke ein. Ich den "Rest". Ursprünglich wollten wir ihn in den Gully spülen. Aber das ging nicht. Die Schädelknochen und die weiß-grauen, blutigen Stücke Gehirnmasse hätten kaum durch die Gullyschlitze gepasst. Stopfen fühlte sich falsch an. Und ja, wir hätten den Gullydeckel öffnen können. Aber es fühlte sich grundsätzlich falsch an, einen Menschen – auch wenn es nur noch „Bruchstücke“ waren – in den Gully zu kippen.

Also entschloss ich mich, den menschlichen Teil auch menschlich einzusammeln.

Das restliche Blut spülten wir dann mit Wasser – viel Wasser – vom Asphalt.

Der Rest des Einsatzes verlief vergleichsweise ruhig. Alle waren froh, gegen drei oder vier Uhr morgens wieder einrücken zu können. Es war schließlich mittlerweile Donnerstag. In ein paar Stunden stand für die meisten von uns der Arbeitsalltag an.

Beim Wiederherstellen der Einsatzbereitschaft kam dann die Frage auf: Was machen wir eigentlich mit den eingesammelten „Teilen“, Stücke einer Person? Einige Telefonate später kam die Information, dass jemand alles am nächsten Nachmittag abholen würde. Ich weiß bis heute nicht genau, was danach damit geschah. Aber für mich war es eine Erleichterung, dass wir die Reste nicht einfach in unseren Restmüllcontainer stopfen mussten. Es schien wenigstens ein wenig Pietät gewahrt worden zu sein. Zumindest von uns.

Kurz bevor ich dann nach Hause fuhr, kam noch einer der Polizisten zu uns, um sich für die zusätzliche Unterstützung zu bedanken. Dabei erzählte er, dass die Exfrau des Opfers beim Überbringen der Todesnachricht am meisten über den Tod des Hundes erschüttert war. Der Exmann war ihr offenbar gleichgültig. Vielleicht war sie sogar erleichtert.

Das hat mich nach allem, was wir in dieser Nacht gesehen und getan hatten, am meisten erschüttert: Ein Mensch ist tot. Tierlieb, ja – aber anscheinend ein solcher Mensch, dass kein anderer um ihn weinen konnte. Vielleicht sogar jemand, dessen Tod jemandem „egal“ war. Das war schwer zu verdauen.

Geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht mehr. Lohnte sich nicht. In zwei Stunden musste ich bei der Arbeit sein. Auch die folgenden Nächte war der Schlaf dürftig. Gedanken an diesen Einsatz hielten mich wach. Tagsüber war ich gereizt, lustlos, zu nichts zu motivieren. Appetit hatte ich keinen. Ich stopfte irgendwas in mich hinein, nur um den Grundhunger zu stillen.

Ich versuchte, die Gedanken an den Einsatz zu vermeiden – genauso wie den Weg an der Einsatzstelle vorbei. Sie lag nur ein paar Hundert Meter von meinem Haus entfernt. Und doch schaffte ich es ein paar Tage lang immer irgendwie, „zufällig“ in eine andere Richtung zu laufen.

Etwas Ähnliches wie einen Flashback hatte ich auch. Bei der Arbeit bot mir ein Kollege ein Stück weiße Schokolade an. Eigentlich nichts Schlimmes – ich mochte sie bis dahin sogar sehr gern. Mittlerweile wieder. Aber die Schokolade, unregelmäßig zerbrochen und auf einer roten Serviette liegend, erinnerte mich zu sehr an Schädelbruchstücke – und an Blut und Gehirnmasse.

Ich war in diesem Moment wieder dort. In jener Nacht. Mit Vinylhandschuhen. Schädelteile von der Straße aufsammelnd. Umgeben vom Brummen der Generatoren. Stille. Grelle Baustrahler. Blaulichter. Das entsetzte Gesicht meines Kameraden Markus. Blut. Ein toter Hund. Und das Gefühl, dass auch Arschlöcher Menschen sind. Menschen, um die doch irgendjemand weinen müsste.

Diese Nacht hat Spuren hinterlassen.

Ich hatte eine akute Belastungsreaktion – keine Krankheit, aber eine seelische Verletzung. Sie ist mittlerweile abgeklungen. Doch die Erinnerungen an diesen Einsatz sind geblieben. Sie sind ein Teil von mir geworden. Und sie werden es immer bleiben.

Vergessen? Das geht nicht.

Aber: Ich habe gelernt, mit diesen Bildern zu leben. Sie sind kontrolliert. Sie beeinflussen mich nicht mehr.

Ich habe meinen Frieden damit gemacht. Auch wenn sie nie verschwinden werden.

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